Das Lachen
Gelangweilt mache ich den Fernseher aus. Nichts läuft, das mich interessieren könnte. Ich bin mies drauf und beschließe ins Bett zu gehen.
Ich gehe ins Bad und stelle mich ans Waschbecken. Während ich mein Spiegelbild betrachte, denke ich: „Naja - du hast auch schon mal besser ausgesehen.“
Plötzlich streckt mir mein Spiegelbild die Zunge heraus. Was soll das denn? Ich starre es an. Es zeigt mir eine Fratze. Das muss ich mir nicht gefallen lassen. Ich stecke meine Zeigefinger rechts und links in die Mundwinkel, ziehe sie auseinander und lasse meine Zunge auf und abschnellen. Kicher – sieht das blöd aus!
Die Retourkutsche kommt auch prompt. Ein dämliches Grinsen überzieht das Gesicht meines Spiegelbildes.
Ich schaue ernst. Das finde ich nicht lustig. Tief schaue ich mir in die Augen. Meine Mundwinkel fangen an zu zucken und ich gibbele los.
Mein Spiegelbild macht weiter Faxen und ich muss grinsen. Es hat die Augen zusammengekniffen und lacht aus vollem Hals. Was ist denn nur so komisch?
Wir lachen uns an, oder lachen wir uns aus?
Das Telefon klingelt. Wer ruft denn JETZT an, um diese Zeit?
Ich melde mich mit einem kleinen Kichern.
Meine Freundin – natürlich - zu nachtschlafender Zeit fällt ihr nichts Besseres ein, als mich zu stören.
„Ich will gerade ins Bett gehen und mache mich im Bad fertig“, erkläre ich ihr mit glucksender Stimme.
„Warum kicherst Du denn?“ fragt sie mich prompt.
Ich will es ihr erklären – aber ich kann nicht. Mein Gesicht verzieht sich zu einem blöden Grinsen. Ich presse die Lippen zusammen um nicht loszuprusten und atme tief durch.
Dann setze ich zu einer Antwort an ... Es geht nicht. Ein Prusten will aus mir heraus, dass ich kaum zurückhalten kann.
„Was ist denn?“ fragt meine Freundin auch noch und ich kann es nicht mehr halten. Ich pruste in den Hörer und krieg mich nicht mehr ein.
„Wieso lachst Du denn?“
Noch ein Versuch der Erklärung. Ich komme nicht weit, weil sich mein Bauch zusammenkrampft. Mein Gesicht bleibt in einer Grimasse stehen. „Ich … prust … bin im Bad … gröl … stehe … quitsch … vorm Spiegel … kreisch!“ „Und was ist daran so komisch?“
Allein die Frage lässt mich verzweifeln. Ich kann nicht mehr aufhören mit Lachen. Die Tränen laufen mir übers Gesicht. Krampfhaft versuche ich meine Fassung wieder zu erlangen.
Tief durchatmen. Ich beginne erneut mit meiner Erklärung.
Weit komme ich nicht, weil erneut ein grausames Glucksen aus mir herausströmt.
Meine Freundin lacht albern. Sie kichert, gibbelt, prustet, wir lachen um die Wette.
Ich halte meinen Bauch fest, weil er so sticht.
„Warum lachst Du denn?“ frage ich jetzt meine Freundin.
„Weil Du so schrecklich lachst!“
Da muss ich noch mehr lachen.
Das geht eine ganze Weile weiter. Wir stecken uns gegenseitig an. Ein Lachanfall folgt dem nächsten und wir lachen uns halb tot.
Irgendwann kann ich nicht mehr. Ich bin total ausgebrannt. Meine Gesichtsmuskeln schmerzen, mein Bauch ist total verkrampft und ich fühle mich leer und ausgepumpt. Nun kann ich endlich meiner Freundin erklären, warum ich überhaupt gelacht habe.
„Bist DU doof“, sagt sie da nur.
Ja, gut, macht aber nichts. Ich hatte einen lustigen Abend.
© Vera Gold