Der Froschprinz
Ein wundervoller Frühlingstag ist heute. Es ist noch ganz ruhig und eine Amsel trällert ihr Lied. Während ich den schmalen Waldweg entlang gehe, höre ich ihr bewundernd zu. Immer neue Strophen fallen ihr ein. Ab und zu kommt auch der Kuckuck mal zu Wort, übertönt die Gesänge vieler anderer Vögel.
Die Sonne scheint durch das zartgrüne Blätterdach der Buchen. Die Farne rollen ihre Blätter auf und das Moos wirkt so frisch und grün mit seinen weichen Polstern, da möchte ich mich am liebsten hinein legen.
Ich ziehe allerdings eine bequeme Bank vor und kaum gedacht, erscheint sie auch schon hinter der nächsten Wegbiegung. An diesem Ort möchte ich noch etwas verweilen, denn von hier habe ich einen schönen Blick auf die Berge des Bayerischen Waldes.
Während ich meinen Gedanken nachhänge und den frischen Duft des Waldes in mich einsauge, hüpft mir plötzlich etwas vor die Füße. Ich erschrecke und schaue auf den Boden. Da schauen mich zwei große Froschaugen an.
„Küss mich“, bittet der Frosch mich.
„Wie komme ich denn dazu?“, frage ich ihn leicht irritiert.
„Du suchst doch noch Deinen Märchenprinzen.“
„Ja, genau, meinen Märchenprinzen und keinen Frosch.“
„Aber wenn Du mich küsst, dann verwandele ich mich in einen hübschen Prinzen.“
„Ich will keinen hübschen Prinzen. Ich will einen ganz normalen Mann.“
Aber was ist schon normal, murmele ich vor mich hin.
Der Frosch hüpft ein wenig näher an mich heran. Unwillkürlich rutsche ich ein bisschen weiter auf meiner Bank.
„Du solltest es Dir überlegen“, sagt er mit einem quakenden Unterton in seiner Stimme, „diese Gelegenheit kommt nicht wieder.“
Da könnte er Recht haben, denke ich. Aber einen Frosch küssen? Wer glaubt denn heute noch an Märchen? Ich jedenfalls nicht.
Ruckartig stehe ich von der Bank auf und will gehen. Da hüpft mir der Frosch doch glatt in den Weg.
“Geh nicht einfach weiter“, bittet er mich. Ich stutze und schaue ihn an: „Hau ab!“
Nun drehe ich mich wirklich um und gehe auf dem Weg zurück. Der Frosch hüpft hinterher. Ich gehe schneller, der Frosch hüpft auch schneller. Fast möchte ich rennen, aber das ist mir dann doch zu blöd. Ich laufe doch nicht vor einem Frosch davon.
Nun bleibe ich stehen und drehe mich um. Der Frosch schaut zu mir empor. Wir schauen uns tief in die Augen. Was ist, wenn ich mich in einen Frosch verwandele und mit ihm auf und davon hüpfe?
“Du musst keine Angst haben, “ spricht der Frosch in meine Gedanken hinein, als hätte er sie erraten, „was soll denn schon passieren?“
Ja, was soll schon passieren? Entweder er verwandelt sich oder er bleibt wie er ist. Ich muss nur aufpassen, dass mich niemand sieht.
Und wenn aus ihm ein kleiner, hässlicher, buckeliger Mann wird? Dann kann ich immer noch weglaufen und sehe ihn dann hoffentlich nie wieder.
„Also gut“, sage ich zu dem Frosch hinunter. Mir scheint, als würde er ein wenig grinsen.
Ich gehe in die Hocke, um den Frosch auf meine Hand zu nehmen. Er fühlt sich ein wenig klebrig an. Soll ich wirklich? Einen Frosch küssen, damit er zu einem Prinzen, zu meinem Prinzen wird? Ich winde mich, mir wird heiß, was soll ich tun? Jetzt, los, ich kneife die Augen zu und gebe ihm einen dicken Schmatz auf seine glibberigen Lippen. Einen Moment halte ich inne und mache dann erwartungsvoll die Augen wieder auf…
… Ein Sonnenstrahl fällt in mein Gesicht und ich zwinkere mit den Augen. Ein wundervoller Frühlingstag wird das heute und ich beschließe, sofort aufzustehen und einen Spaziergang im Wald zu machen.
Man weiß ja nie, wem man so begegnet.
© Vera Gold
veröffentlicht in der Zeitschrift Kurzgeschichten März 2007