Der vertauschte Einkaufswagen
Bei Aldi und Lidl gibt es ständig Angebote. Im Moment sind die Schul- und Büroartikel an der Reihe. Ich liebe Büromaterial: ob es nun Stifte sind, oder Papier oder Buntstifte – ich kann alles gebrauchen.
Heute gibt es beim Aldi Kugelschreiber. Es ist ja nicht so, dass ich keine hätte. Aber die Mine meines Lieblingskugelschreibers ist leer. Und eine neue Mine ist nicht zu bekommen. Entweder gibt es sie im Handel nicht oder diejenigen, die genauso ausschauen passen nicht. Mittlerweile habe ich so viele Kugelschreiber ohne Mine, dass ich eigentlich ganz viele (von den teuren) Minen kaufen müsste.
Neue Kugelschreiber sind preiswerter als neue Minen und hübsch sehen die vom Aldi auch aus. Ich kann nicht widerstehen und fahre also los in den nächsten Ort.
Die Sonne scheint, es ist recht frisch und die Luft so klar wie im Herbst. Tatsächlich sehe ich sie – die Alpen. Von der Zugspitze (ganz rechts) kann man die ganze Alpenkette (bis ganz links) sehen. Grandios, einfach grandios.
Beim Geschäft nehme ich mir nun einen Einkaufswagen und gehe zielstrebig wie immer, ich weiß ja, wo ich alles finde, zu den Sonderangeboten. Ich parke meinen Wagen neben dem Stifte-Korb und schaue mir die Kugelschreiber an. Sofort wandert das erste Paket in meinen Wagen. Die anderen Stifte gefallen mir aber auch. Ich überlege nicht lange, man muss sich auch mal etwas gönnen können, und schwupps, landen noch zwei Pakete mit den unterschiedlichsten Schreibern in meinem Wagen. Ich laufe noch etwas um die anderen Körbe, schaue hier und schaue dort, aber ich kann nichts mehr gebrauchen. Klar, ich habe auch schon alles.
Ich gehe in die Richtung meines Wagens. Ich bin vielleicht einen Meter davon entfernt, werde ich von einer Frau angequatscht, die auf der anderen Seite von meinem Wagen steht. Ein Wortschwall in tiefstem Niederbayerisch überfällt mich. ‚Hä, ich verstehe kein Wort’, denke ich und warte erst einmal ab. Zeit gewinnen. So langsam dämmert es mir. „Das ist mein Wagen“, verstehe ich nun endlich.
„Nein, das kann nicht sein. Da liegen doch meine Stifte drin“, sage ich in feinstem Hochdeutsch. Sie legt wieder los und ich verstehe wieder kaum etwas. Hallo, merkt sie eigentlich nicht, dass ich Preuße bin? Ein bisschen mehr Verständnis könnte ich schon erwarten. Schließlich könnte ich auch eine Urlauberin sein.
Aber die Frau ist in Rage. Immer wieder erklärt sie mir, dass das es ihr Wagen sei, den sie leer dort abgestellt hat und ich hätte wohl (frecherweise) meine Sachen da hineingelegt.
Ja, geht es noch? Ich fühle, dass hinter mir die Leute schon gucken.
„Nein, den Wagen habe ich hier hingestellt und gleich Waren hineingelegt, damit niemand den Wagen nimmt“, erkläre ich der Frau geduldig.
„Das ist mir schon so oft passiert, dass mein Wagen genommen wird. Den Wagen habe ich hier abgestellt“, prasselt es wieder auf mich hernieder.
Mir ist das auch schon passiert, allerdings zu Zeiten, da gab es die Wagen noch ohne Pfand. Deshalb achte ich immer sehr darauf, dass ich den Wagen nicht ohne Inhalt parke. Ich wusste also 1000-prozentig, dass es sich um meinen Wagen handelt. Nur, wie erkläre ich es der Frau? Da fällt mir ein, wie es beweisen kann. Doch die Frau dreht sich plötzlich um und geht. Was ist denn jetzt los? Ich rufe ihr hinterher, dass ich es beweisen kann, ich hätte ein Markstück in dem Wagen.
So viele Leute wird es nicht geben, die noch eine Deutsche Mark besitzen und damit ihre Einkaufswagen ausleihen.
„Hier habe ich ihn abgestellt“, ruft sie zu mir herüber. Sie klingt aber nicht wirklich überzeugt. Bestimmt denkt sie, dass es sich um meinen Wagen handelt. Von mir aus, in meinem Wagen ist die Mark, die ich auch herausblitzen sehe.
Nun kann ich wohl endlich in Ruhe einkaufen. Sicher haben wir Aufsehen erregt, manche Leute grinsen. Aber das ist mir heute überhaupt nicht peinlich. Ich war so etwas von im Recht, dass ich einfach nur kopfschüttelnd weitergehe und sage: „Leute gibt es.“
An der Kasse angekommen, steht sie vor mir. Oh nein. Das nicht auch noch.
Während ich dann zackzack zum Auto gehe, sehe ich, dass sie auch noch neben mir geparkt hat. Neiiiin. Ich lade meinen Einkauf in den Kofferraum und sie kommt zu mir und entschuldigt sich. Da hat sie wohl gemerkt, dass sie den falschen Wagen nehmen wollte, als sie ihren Chip bei der Wagenrückgabe aus dem Wagen genommen hat.
Ich bin nicht nachtragend und wir unterhalten uns ein wenig über den Einkaufswagenklau. Ich gebe zu, ich habe dialektmäßig nicht alles verstanden.
Als ich endlich im Auto sitze, lege ich meine Mark wieder in den Aschenbecher, zu den Plastikmarken, die dort deponiert sind, falls meine Mark mal nicht funktioniert.
Das hätte böse ausgehen können, wenn sich die Dame mit mir um den Einkaufswagen hätte prügeln wollen.
Doch meine Mark und mich bringt niemand auseinander. Eine Bayerin schon gleich gar nicht.
© Vera Gold