Die Wahrsagerin
An einem stürmischen, ungemütlichen Herbsttag hatte sich Benitas Freundin Larissa zum Kaffee angesagt. Eigentlich hatte Benita keine Lust dazu, sich wieder einmal irgendwelche Männergeschichten der Freundin anzuhören. Stundenlang konnte Larissa von ihren neuen Bekanntschaften erzählen, die alle nichts taugten. Entweder waren die Männer verheiratet und konnten oder wollten sich nicht trennen. Oder aber sie waren solo, mochten nicht allein sein und brauchten einen Rockzipfel, der sie durchs Leben zieht.
Benita ergab sich in ihr Schicksal, sie hatte sowieso nichts anderes vor bei dem Wetter. Ein bisschen Ablenkung würde ihr nicht schaden. Sie hatte gerade eine Phase, in der sie sich sehr nach einer starken Männerschulter sehnte. Kaffeeduft strömte durch die Küche. Während sie noch das Geschirr auf den Tisch stellte, klingelte es auch schon.
Larissa stürmte zur Tür herein und umarmte ihre Freundin.
„Grüß dich, Benita. Du, ich habe Dir eine Menge zu erzählen“. Larissa klang aufgeregt. Sie schmiss ihre Jacke über den Garderobenhaken und folgte Benita in die Küche.
„Stell’ dir vor, ich war bei einer Wahrsagerin.“ Benita kräuselte ihre Nase. Das ist Geld zum Fenster hinauswerfen, dachte sie.
„Da musst du unbedingt auch einmal hingehen.“
„Nee, du, davon halte ich gar nichts. Die Aussagen werden doch sehr allgemein gehalten, das kann auf jeden zutreffen.“ Benita rührte in ihrer Tasse.
„Nein, nein“, widersprach Larissa. „Sie hat mir Dinge aus meinem Leben erzählt, die sie nicht wissen kann.“
„Und das wäre?“
„Zum Beispiel, dass ich schwere Zeiten hinter mir habe.“
„Na, das hat ja wohl jeder.“
„Außerdem meinte sie, ich hätte ein Helfersyndrom und würde genau die Männer anziehen, die unselbständig sind.“
Das hätte Benita ihr auch sagen können. Larissa ist Krankenschwester und man sah es ihr an. Blasse Haut, kein Make-up, strähnige Haare, hausbacken eben, und sie wirkte ein wenig ausgelaugt. Sie könnte mehr aus sich und ihrem Typ machen, wenn sie wollte.
Larissa nippte an ihrer Kaffeetasse.
„Außerdem hat sie mir von meinem jetzigen Freund erzählt. Sie meinte, das würde nicht lange halten. Er spielt nur mit mir.“
Auch das hätte Benita ihr sagen können. Das ist schließlich für jeden sichtbar, wenn der Kerl mit anderen Frauen rummacht.
„Es wird bald ein neuer Mann in mein Leben treten“, erzählte Larissa geheimnisvoll, „aber das wäre noch nicht der Richtige. Erst danach kommt jemand, der ist es dann.“
„Also, weißt du, Larissa“, entfuhr es Benita, „das ist doch wirklich sehr allgemein. Es werden immer wieder Männer deinen Weg kreuzen. Dafür brauchst du keine Wahrsagerin.“
Larissa schaute Benita an und schüttelte leicht den Kopf. „Aber der Jetzige wurde mir auch von der Wahrsagerin angekündigt. Sie hatte mir sogar gesagt, wie ich ihn kennen lerne. Und alles hat gestimmt.“
Benita zweifelte immer noch. Sie konnte es sich nicht vorstellen, dass jemand in die Zukunft sehen kann. Nach ihren Erfahrungen kommt es immer anders, als man es plant und sich ausmalt. Wie oft ist es ihr passiert, dass sie ihre Meinung geändert hat und in eine ganz andere Richtung gegangen ist. Soll das alles irgendwo stehen? Sie könnte sich manchen Umweg sparen, wenn sie vieles vorher wüsste.
Vor allen Dingen würde sie warten, bis der richtige Mann in ihr Leben tritt, da bräuchte sie nicht ständig neue Männer treffen.
Larissa sprach in ihre Gedanken hinein: „Versuche es doch einmal. Die Frau heißt Selina. Ich gebe dir die Telefonnummer und du rufst einfach mal bei ihr an. Teuer ist es auch nicht, da kannst du nichts verkehrt machen.“
Benita war ganz verwirrt und doch ein bisschen neugierig. Sollte sie das wirklich einmal ausprobieren? Viel passieren konnte nicht. Und wenn nichts von den Voraussagen eintrifft, könnte sie sich darüber amüsieren. Schließlich glaubte sie sowieso nicht daran. „Also gut, gib mir die Nummer. Ich probiere es aus.“
Das war vor einer Woche. Heute steht Benita vor der Türe eines hübschen Einfamilienhauses. Sie schaut noch einmal auf das Türschild, ob sie hier richtig ist.
Ewas zaghaft drückt sie auf den Klingelknopf. Ganz leise hört sie drinnen ein Ding Dong. Nach einer kurzen Weile wird die Türe geöffnet und eine Frau in ihrem Alter steht vor ihr. Benita hat sich die Frau ganz anders vorgestellt. Älter und eher zigeunerhaft mit langen schwarzen Haaren und mit schwarzem Kajalstift dick umrandeten Augen.
Selina trägt eine modische Kurzhaarfrisur und ist unauffällig geschminkt. Soll das eine Wahrsagerin sein?
„Hallo, ich bin Selina. Und du bist die Benita?“ Benita nickt verschüchtert.
„Tritt ein. Wir gehen in den Wintergarten, dort können wir es uns gemütlich machen.“
Die Frau geht vor und Benita trottet hinter ihr her. Ein riesiger lichtdurchfluteter Wintergarten empfängt sie mit hellen Korbmöbeln und vielen hohen Pflanzen, die den großen Raum gemütlich wirken lassen. Durch die Fenster schaut sie auf einen großen, gepflegten Garten mit vielen Bäumen, die ihr trockenes Laub auf den Rasen verstreut haben.
So wohnt eine Wahrsagerin? Wo ist die Kristallkugel? Keine orientalische Dekoration an den Wänden und keine geheimnisvollen Düfte liegen in der Luft. Das hat sie sich ganz anders vorgestellt.
Selina deutet auf einen Sessel und setzt sich ihr gegenüber. Während sie die Karten legt, erzählt sie aus Benitas Leben.
Das interessiert Benita doch alles nicht. Was vergangen, ist vergangen. Die Gegenwart kennt sie selbst. Aber was ist mit der Zukunft? Wann kommt er endlich, der Mann ihres Lebens? Nur das interessiert sie, nichts anderes.
„Ich sehe einen Mann in deinem Leben.“
Na endlich, denkt sie.
„Im nächsten Sommer wird er in deinen Armen liegen.“
Ungeduldig rutscht Benita auf ihrem Stuhl herum. „Und? Wie wird er aussehen?“
Selina schaut sie über ihren Brillenrand an. Ein Schmunzeln liegt in ihren Augen.
„Er ist klein und runzlig, mit wenig Haaren und wiegt 3.580 Gramm.“
© Vera Gold
veröffentlicht in der Zeitschrift Kurzgeschichten Oktober 2006