Friseurbesuch
Eigentlich fand ich mich heute Morgen noch ganz hübsch. Trotz meiner Haare am Kopf, die mich wie eine Hexe aussehen ließen.
Heute ist mein Friseurtermin. Ich hasse es, zum Friseur zu gehen. Aber es muss sein.
Wenn die Friseurinnen nur nicht immer soviel quatschen würden.
Warum tun die das eigentlich?
„Erzähl das doch Deinem Friseur“, sagt man häufig.
Aber warum sollte ich das tun? Ich habe doch eine Freundin. Und eine Bekannte. Und eine Nachbarin. Und … und… und meine Tiere, wenn es nur ums Zuhören geht.
Weise Ratschläge würde ich doch nicht von meiner Friseurin annehmen. Da könnte ich mich doch gleich auf den Marktplatz stellen mit einem Schild um den Hals: „Ratschlag gesucht.“
Ich möchte beim Friseur meine Ruhe haben und meinen Gedanken nachhängen. Soweit es das Geziepe an meinem Kopf und der immer zu heiße Fön überhaupt zulässt.
Da sitze ich nun in meinem Stuhl und schaue in den Spiegel. Die Waschprozedur mit dem ewig nervenden „Ist es so recht? Ist das Wasser gut so?“ habe ich hinter mir. Grrr. Wenn nicht, sage ich das schon. Ich will meine Ruhe haben.
Meine Haare stehen mir wirr vom Kopf ab. Jetzt kommt der Kamm, scheitelt mein Haar ganz woanders als sonst und die Halterin desselben bedankt sich bei mir. Wofür? Jedes Mal frage ich mich das. Ich müsste mich doch bedanken, weil sie mir die Haare gewaschen, abgetrocknet und falsch gescheitelt hat. Oder ist sie froh, dass sie mir die Harre waschen darf? Dankbar, ein freiwilliges Opfer gefunden zu haben? Beim nächsten Mal frage ich sie.
„Wie immer?“ reißt mich meine Friseurin aus meinen Gedanken.
Ja, wie immer. Ich bin da nicht sehr experimentierfreudig. Wenn ich die Frisuren in den Zeitungen sehe, dann denke ich jedes Mal: Was, das soll eine Frisur sein? So sehe ich jeden Morgen aus, wenn ich aus dem Bett komme. Und dafür zahlen die Frauen soviel Geld? Hm, na ja, muss jeder selber wissen.
Einmal habe ich mich überreden lassen. Da war ich in einer Ist-mir-doch-alles-scheiss-egal-Stimmung. Ich hatte schon als kleines Kind graue Haare. Bis zum 25. Lebensjahr habe ich die Grauen auch noch ausgezupft. Dann habe ich aufgehört, weil ich dachte: Lieber graue Haare als gar keine Haare. So nahm das Grauen seinen Lauf.
An dem besagten Tag also meinte meine Friseurin, ein paar dunkle Strähnchen wären nicht schlecht. Hinten sind sie ja noch nicht so grau und vorne und oben kann man mit den Strähnen etwas ausgleichen. Naaaa guuut!
Ich hasse Chemie. Aber wer schön sein will muss eben leiden.
Meine Friseurin packte meinen Kopf also in Folie ein und fing an mit einer „Häkelnadel“ einzelne Strähnen durch die Folie zu ziehen. Oh Gott, hoffentlich sieht mich keiner. Ich werde immer kleiner in meinem Stuhl. Warum habe ich das getan? Ich sehe aus wie ein Alien.
Dann kam da noch dunkle Farbe drauf. Das war meine Haarfarbe? Das kam mir aber arg dunkel vor. Nun ja, mal abwarten.
Es dauerte ewig, aber das Resultat hatte mich überrascht. Sah gar nicht so schlecht aus. Ich gefiel mir.
Komisch nur, dass es niemandem aufgefallen ist, dass meine Haare nicht mehr so grau sind wie sonst. Jeden musste ich mit der Nase draufstoßen, damit es überhaupt zur Kenntnis genommen wurde. Dafür die zwei Stunden Aufwand? Von den Kosten ganz zu schweigen.
Das einzige Problem war: die Haare wuchsen grau nach, die dunkle Farbe wusch sich heraus und irgendwann hatte ich gelb-grau-scheckige Haare.
Also, heute wie immer! Da bin ich auf der sicheren Seite. Ich sitze vor dem Spiegel und schaue mich an. Wieso sehe ich beim Friseur immer so hässlich blass aus? Liegt es am Licht? Heute Morgen fand ich mich entzückend. Vielleicht ist es das gleiche Phänomen wie in den Umkleidekabinen der Kaufhäuser, wenn man im März einen Bikini anprobiert. Oh Graus. Das ist noch schlimmer als beim Friseur zu sitzen.
Kurz vor mir ist eine Frau im Salon gewesen – genau, von der wollte ich eigentlich erzählen – die ist schon 86 Jahre alt. Fit wie ein Turnschuh. Tagesgespräch beim Friseur. Alles macht sie noch selbst. Und jetzt sprintet sie den Berg hinauf, so schnell, wie ich ihn hinunter gehen würde. Das macht ihr nichts aus. Ihr nicht, und den anderen Frauen, von denen erzählt wird, keine unter 80 Jahre wohlgemerkt, auch nicht.
Ich komme ins Grübeln. Bin ich nicht gerade den Berg heraufgeschnauft? Diese älteren Damen sind fast vierzig Jahre (40!!) älter als ich. Hm. Ich beschließe – aua – wieder ist der Fön zu heiß – etwas für meine Fitness zu tun. Gleich heute Abend fange ich an. Oder morgen früh. Ja, besser morgen früh.
Dieser Friseurbesuch hat sich heute richtig gelohnt. Hoch motiviert sprinte ich den Berg hinauf und freue mich auf morgen früh – auf den Muskelkater den ich durch diesen Sprint bekommen werde.
© Vera Gold