Man ist nie zu alt
Therese schnaufte ein wenig, als sie ihre Turnübungen auf der Matte machte. Schließlich war sie nicht mehr die Jüngste. Seit vierzig Jahren traf sie sich einmal die Woche mit den Freundinnen vom Frauenbund zum Turnabend. Das musste sein, damit sie sich weiterhin fit fühlte.
"Was wünscht du dir denn zum Geburtstag?", wollte Agnes wissen, die neben ihr nicht minder schnaufte, obwohl sie erst siebzig war.
"Ich wünsche mir zum Neunzigsten einen Computer", grinste Therese.
"Waas! Was willst du alte Schachtel denn mit einem Computer? Du hast doch keine Ahnung wie das geht."
"Noch nicht. Aber mein Enkel wird mir das sicher erklären. Die jungen Leute können doch alle komputern."
Agnes schüttelte belustigt den Kopf. Therese grinste innerlich. Sie wusste, dass sie ihre Freundinnen geistig und körperlich in die Tasche stecken konnte. Sie hatte immer hart mit ihrem Mann auf dem eigenen Bauernhof in einem kleinen Dorf in Niederbayern gearbeitet. Jeden Morgen ging es zum Melken in den Stall, tagsüber ging die Arbeit nicht aus und ihre fünf Kinder hielten sich auch auf Trab. Trotzdem fand sie Zeit für ihre Hobbies. Heute würde man so eine wie sie eine Powerfrau nennen. Arbeit, Haushalt und Kinder nahmen viel Zeit in Anspruch. Es war nicht immer leicht. Ablenkung verschafften ihr die Stunden beim Frauenbund und im Turnverein. Sie spielte gerne Karten und brachte ihre Ideen für den Faschingsumzug des örtlichen Karnevalsvereins ein. Und an manchem Abend spielte sie für die Familie auf dem Keyboard volkstümliche Lieder.
Als ihr Mann vor dreißig Jahren starb, übernahm der älteste Sohn den Hof. Bei ihm lebte sie und half immer noch gerne mit, wo es ging. Ihre anderen Kinder wohnten weiter weg, aber zu Geburts- und Feiertagen kam die ganze Familie zusammen und es wurde gelacht und gesungen, wenn sie mit dem Keyboard aufspielte. Außerdem liebte sie Kreuzworträtsel in Zeitschriften und machte mit ihrer Freundin zusammen am Telefon Gedächtnisübungen. Das hielt ihren Geist wach, meinte sie.
Therese ordnete ihre grauen Harre wieder in den Dutt, den sie trug. "Du wirst schon sehen, Agnes, das mit dem komputern schaffe ich auch noch." Lachend verabschiedete sie sich von der Freundin und ging nach Hause.
Dort wartete ihr Enkel Fabian schon ungeduldig auf sie. "Wo brennt's denn, Oma?", wollte er auch gleich wissen.
"Du kennst dich doch mit einem Computer aus."
Fabian runzelte die Stirn. "Ja klar."
"Das ist prima", freute Therese sich. "Ich wünsche mir zum Geburtstag einen Computer. Zeigst du mir, wie das geht?"
"Ähm … jaaa", stotterte Fabian, "was willst du denn damit machen?"
"Na, ins Internet, und so dies und das. Was man eben so macht."
"Ahja!" Fabian runzelte sie Stirn.
" Du kannst doch komputern?", frage Therese noch einmal nach.
"Oma, Oma, du bist echt 'ne Marke. Pass auf, ich habe noch einen alten Computer. Den bringe ich dir morgen mit und ein paar Programme dazu. Der langt erst einmal. Dann zeige ich dir, was man damit machen kann und du kannst in Ruhe schauen, ob dir so ein Computer überhaupt gefällt."
"Fein, Fabian, so machen wir das."
Am nächsten Nachmittag kam Fabian mir einer großen Kiste. Therese hatte schon den kleinen Tisch in der Ecke ihre Zimmers freigeräumt. Fabian baute den PC auf, verkabelte alles miteinander. Fabian erklärte die Technik, während er alles aufbaute, und seine Oma wedelte hin und wieder mit dem Staubtuch über den Tisch.
"So, Oma. Jetzt starten wir den PC. Mit der Maus kannst Du alles bedienen. Was möchtest du denn machen?"
"Ich möchte Einladungskarten schreiben. Zu meinem neunzigsten Geburtstag soll es doch etwas besonderes sein."
"So ein Programm habe ich jetzt nicht dabei. Aber mit einem Textverarbeitungsprogramm kannst du das auch machen."
Florian und Therese arbeiteten zwei Stunden lang sehr konzentriert. Irgendwann schaffte Therese es auch, dass der Mauszeiger dort landete, wo sie ihn hin haben wollte. Es schwirrte in ihrem Kopf und sie wusste nicht, ob sie alles behalten würde, was Fabian erklärte.
"Oma, du kannst mich jederzeit fragen, wenn du etwas nicht verstehst. Wir können uns auch gerne noch einmal zusammensitzen."
"Dankeschön, Fabian. Das müssen wir bestimmt machen. Ob ich das alles behalten kann?"
"Du machst das schon, Oma. Wenn du das nicht schaffst, wer dann? Du bist schließlich die Fitteste von uns allen."
Therese arbeite jeden Tag an ihrem Computer. Es war anstrengender als sie dachte, aber in Florian fand sie einen guten und geduldigen Lehrmeister. Nach drei Wochen hatte sie ihre Einladungen fertig geschrieben, gefaltet und einkuvertiert. Ein paar Einladungen steckte sie in die Tasche, als sie, wie immer am Mittwochabend, zum Turnverein ging.
Dort erwartete Agnes sie schon. "Grüß dich, Therese. Wie geht es?"
Therese gab Agnes eine Einladung: "Ich habe dir eine Einladung zu meinem Geburtstag mitgebracht."
"Fein." Agnes öffnete die Einladung und begann zu lesen. Ihre Augen wurden immer größer und vor Überraschung blieb ihr Mund offen stehen: Weil mir der Fernseher nicht mehr reicht, habe ich mit Arbeiten auf dem Computer angefangen. Jung wie ich bin, ihr seht es ja, haut das ganz gut hin.
© Vera Gold