Vera Gold - Autorin und Künstlerin - Geschichten und Gedichte, Fotos und Videos mit Text und Musik


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Mann oder Schneefräse








Mann oder Schneefräse



Bis zum nächsten Winter habe ich den jetzigen sicher vergessen. Dann freue ich mich wieder auf den Schnee und auch auf das Schneeschaufeln. Muss ich dann wenigstens kein schlechtes Gewissen haben, weil ich mich sportlich nicht sonderlich betätige.

Aber noch ist er präsent, dieser schneereiche Winter. Wenn ich dann abends um 22 Uhr zum fünften Mal einen halben Meter Schnee (nicht alles Neuschnee, auch angeweht vom eisigen Böhmerwind) über den Zaun hinweghebe, dann stelle ich mir zum dreiundzwanzigsten Mal in diesem Winter die Frage: Schaffe ich mir für den nächsten Winter einen Mann oder eine Schneefräse an?

„Nimm das, was billiger ist!“ sagt meine Vermieterin. Billiger? Das dürfte letztendlich die Schneefräse sein. Ein Mann, der kostet. Nicht nur Nerven. Was der alles haben will und was der alles trinkt und isst! Auf der anderen Seite hätte man ja eventuell, vielleicht, unter Umständen auch noch andere Vorteile, die ich hier aber nicht näher benennen möchte.
Und was ist mit den Nachteilen?

Ein Gespräch mit meiner besten Freundin, wohnhaft in einer Gegend, in der kaum bis wenig Schnee fällt, gibt mir da doch einiges zu denken.
„Lebst Du denn noch? Im Radio haben sie einen Bericht von dem Wohnwagenwerk gebracht. Die haben die Firma schließen müssen, weil so viel Schnee auf dem Dach ist.“
„Was? Das bringen die bei Euch im Radio? Na ja, noch lebe ich. Mein Vermieter hat auch schon mein Dach abgeschaufelt. Er wollte nicht, aber er musste. Seine Frau hat ihn gleich ein zweites Mal geschickt, weil er zu wenig abgeschaufelt hatte.“
„Der Ärmste. Das ist ja auch gefährlich.“
„Schon. Ich bin auch froh, dass ich nicht aufs Dach muss. Aber es ist nur der Anbau, der ist ja nicht so steil.“
„Wir haben nicht soviel Schnee hier, aber es reicht.“
Ja, das glaube ich gerne. Dort wo sie wohnt sind die Straßen viel steiler als in den Bergen. So kam es mir jedenfalls immer vor. Und ich bin immer nur in der schneefreien Zeit zu meiner Freundin gefahren.
„Mein Mann hat Muskelkater“, erzählt sie mir.
„Ah geh“, rutscht es mir heraus, „von dem bisschen Schnee? Er soll mal bei mir vorbei kommen und schippen. Dann weiß er, was Muskelkater ist.“
„Ja, und er hat eine Rippenfellentzündung!“
„Oh, der Arme. Wie kommt er denn da dran?“
Meine Freundin flüstert so leise ins Telefon, dass ich mir den Hörer so fest ans Ohr pressen muss, dass er mir auf der anderen Kopfseite fast wieder herauskommt. Ich muss schwer aufpassen, dass ich alles verstehe.
„Der geht mir so auf die Nerven!“
„Wieso denn?“
„RIPPENFELLENTZÜNDUNG! Ich habe ihm gesagt, wenn er eine Rippenfellentzündung hätte, dann könnte er nicht mehr aufrecht gehen.“
„Und was hat er dann?“
„Ein Kratzen im Hals. Mehr nicht.“
Kichern meinerseits – ja ja, das kenne ich. Mein Ex –Lebensabschnittsgefährte ging dann immer mit einem Schal um den Hals gewickelt ins Bett. Aber so dick gewickelt, dass er aussah, als hätte er eine Manschette um den Hals wie nach einem Schleudertrauma. Zum Schreien. So würde ich NIE ins Bett gehen.
„Und für jeden Kiki ruft er mich. Als ich mit meinem Knie nicht laufen konnte, habe ich mir auch alles selber geholt. Das war mir doch zu doof, immer nach ihm zu rufen. Als ich ihn gebeten hatte, das Körnerkissen zu erwärmen, hat er es natürlich nicht gefunden. Ich habe ihm erklärt, dass es im linken Küchenschrank, drittes Fach von oben, ganz links ist. Und was macht er? Er macht ALLE Schränke auf, sogar den Kühlschrank (!). Nur nicht den, den ich ihm beschrieben habe. Da kriegst Du doch einen an der Waffel!“
Ja genau. Und das, obwohl Männer es doch so präzise mögen. Aber die finden ja auch nicht die Butter im Kühlschrank. Seltsames Phänomen.
„Und was macht dein Mann jetzt? Es ist so still?“
„Er ist heiß duschen.“
„Ah ja. Vielleicht solltest Du mal so ganz beiläufig fragen, wo er denn die Lebensversicherungspolice aufbewahrt.“
„Das weiß ich sowieso. Da hat er keine Ahnung von.“
„Du könntest aber auch ein großes Gesundheitslexikon kaufen und ihn dann darauf hinweisen, dass es keine Rippenfellentzündung sein kann. Die Symptome deuten auf eine ‚Hgystonomegilamie’ hin. Damit wäre aber mal gar nicht zu spaßen.
Oder ich würde ihn mal fragen, ob er lieber in einem Eichensarg oder in einem Mahagonisarg liegen möchte.“
Mein Freundin prustet in den Hörer.
„Du kannst ja auch mal fragen, wann er denn endlich abnippelt. Du möchtest nächste Woche groß einkaufen gehen. Die Frühjahrsmode hängt schon in den Läden. Vielleicht hilft ihm das ja auf die Beine?“
Meine Freundin und ich haben jedenfalls einen lustigen Abend und schon lange nicht mehr so gelacht.

Als wir uns dann in unserer Abschiedszeremonie befanden, wurde diese doch noch einmal so gewaltig gestört, dass wir dann vor lauter Lachen und Prusten ohne großen Abschied die Hörer aufgelegt haben. Schwach und mit leidender Stimme tönte es aus dem Hintergrund:

„Kannst Du mich mal mit ‚Wick’ einreiben?“


© Vera Gold



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