Vera Gold - Autorin und Künstlerin - Geschichten und Gedichte, Fotos und Videos mit Text und Musik


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Meine schlechte Leitung








Meine schlechte Leitung



Manche Menschen haben eine lange Leitung – ich hatte eine schlechte. Ein Rauschen und Knacken war in der Telefonleitung, dass es beim Telefonieren in den Ohren krachte. Für einen Besuch im Internet reichte diese Leistung kaum mehr aus.
Eine Woche nach der Störungsmeldung klingelte jemand bei mir Sturm. Wer hatte es denn so eilig?
Der Telefon-Mann wollte die Störung beheben. Er maß zuerst im Haus die Leitung in der Telefondose. Sie funktionierte einwandfrei. Den Verteiler außen am Haus prüfte er auch: „Die Leitungen sind in Ordnung. Die Störung scheint im Hauptverteiler zu liegen.“
Er fuhr zum Hauptverteiler im Dorf. Nach einer Weile kam er zurück: „Eine Leitung ist defekt und die andere geflickt. Da muss jetzt eine neue Leitung eingezogen werden.“ „Gut, und wie lange dauert das?“
„So ein bis zwei Tage etwa.“

Am nächsten Tag meldete ich mich wieder im Internet an. Das Modem gab ein Besetzt-Zeichen. Wieso das? Ich ging ans Telefon – kein Freizeichen, nur Rauschen. Na toll, jetzt ging gar nichts mehr. Ich probierte es noch einmal. Nichts, kein Freizeichen. Plötzlich sagte eine männliche Stimme: „Hallo?“, und noch einmal „Hallo?“.
Ich hörte Stimmen, so weit war es also schon mit mir. „Hallo“, antwortete ich. „Sie können jetzt nicht telefonieren“, erzählte mir der Mann. „Ich prüfe gerade Ihre Leitung.“
Na prima, das ging schnell und ganz ohne Vorwarnung.
„Wo ist denn Ihre Straße?“, fragte mich die fremde, brummelige Stimme.
„Wo sind Sie denn?“ fragte ich entgeistert.
„Im Dorf am Verteiler.“ Das war mir auch klar. Nur – so groß ist das Dorf nicht, dass man meine Straße nicht findet. Ich erklärte es ihm und zwei Minuten später stand der Kollege des mürrischen Technikers vor meiner Tür. Dieser schraubte außen am Haus in dem Telefonkasten Drähte ab und wieder an und telefonierte von einem merkwürdigen Telefonapparat mit seinem Kollegen, der oben im Dorf am Hauptverteiler stand.
Das dauerte alles eine Weile, zumal der Techniker immer etwas aus dem Auto holte, mal eine Zange, dann einen Draht, dann mal dieses oder jenes.
Nach einem erneuten Gespräch mit dem Kollegen erklärte er mir: „Der Kollege muss ein Teil holen. Das dauert ein paar Minuten, bis er wieder hier ist.“
Ich fragte mich, wo der Techniker hinfuhr. Zu einem anderen Verteilerkasten im Nachbarort, um dort einen Draht zu organisieren? Ob meine Leitung auf diese Weise auch einmal manipuliert wurde, weil im Nachbarort ein Draht fehlte?
Der Telefon-Mann und ich plauderten derweil nett miteinander. Ich unkte: „Hoffentlich kommt der Kollege nicht in einen Stau.“ Wir amüsierten uns und machten Witze darüber, schließlich gibt es bei uns auf dem Land keinen Stau.
Ein paar Minuten später rief der Kollege am Autotelefon an. Ich konnte ihn hören, aber nicht verstehen. Nur dass „mein“ Telefon-Mann fragte: „Und was sage ich der Frau?“
Oh, oh, dachte ich nur, was kommt jetzt?
Der Techniker kam wieder, grinste mich an und sagte: „Der Kollege hatte einen Auffahrunfall. Ihm ist nichts passiert. Es gab verbeultes Blech und es muss eine Schadensmeldung ausgefüllt werden. Das wird heute nichts mehr, wir kommen dann ein andermal wieder.“
Ich lachte laut los, ich konnte es nicht glauben.
„Wir kommen dann wieder, wenn es wieder geht“, lachte der Telefon-Mann.
„Wie das klingt“, konnte ich mir nicht verkneifen, „komm ich heut’ nicht, komm’ ich morgen. Schau’n wir mal.“
Ich saß noch eine Weile in der warmen Sonne auf meiner Bank und grinste vor mich hin.

Beim nächsten Mal würde ich aufpassen müssen, was ich sage. Es könnte sonst wirklich geschehen.



© Vera Gold



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