Meine Schuhe
Das Wetter ist so schön heute. Das schreit förmlich nach einem Spaziergang. Ninja ist auch schon ganz unruhig. Sie weiß, wenn Frauchen sich ihre Schuhe greift, dann geht es entweder hinaus oder sie muss Zuhause bleiben und bekommt ein Leckerli. Gassi gehen ist ihr natürlich lieber.
Also greife ich nach meinen Schuhen. Ich bin nicht der große Schuhfetischist. Frauen sollen ja Unmengen an Schuhen und auch Handtaschen in ihren Schränken horten. Ich bin da eher untypisch. Ich hasse Handtaschen.
Wenn es im Sommer schon nicht anders geht, weil ich da eher keine Jacke anziehe, wenn es warm ist, dann muss meine Tasche klein sein. Ich bin ja auch klein. Wie sieht denn das aus: Guck mal, die Tasche mit der Frau dran!
Meine Schuhe sind auch eher derb. Der Landschaft, in der ich lebe, angepasst. Pumps besitze ich gar keine mehr. Das Tragen von ihnen ist ja auch nicht gesund.
Viele Jahre habe ich hohe Schuhe getragen. In der Ausbildung waren die Schuhe, dank der damaligen Mode, ziemlich hoch. So trug ich immer zehn Zentimeter hohe Absätze. Dann konnten mich die Kunden hinter den Kleiderständern auch sehen.
Während meiner Tanzsportzeit trug ich natürlich auch hohe Schuhe. Mein Tanzpartner war dreißig Zentimeter größer als ich, das musste irgendwie ausgeglichen werden. Unten ein bisschen mehr und oben an den Haaren wurde dann auch noch gefriemelt, so dass ich größer wirkte. Gut nur, dass ich im Verhältnis zu meinem Körper lange Beine habe. Das glich den Größenunterschied dann aus. Davon tanzen konnte mein Partner mir also nicht.
Dass die Füße nach dem Training und den Turnieren ziemlich hinüber waren, versteht sich von selbst. Einmal bin ich sogar einen halben Kilometer zum Parkplatz barfuß gegangen. Ich habe einfach nicht mehr in meine Straßenschuhe gepasst. Und die Tanzschuhe konnte ich wegen der Wildledersohle nicht anlassen, sonst wären sie auf dem Asphalt ruiniert gewesen.
Und meine Gassigeh-Schuhe? Die sind so richtig schön ausgelatscht. Sie sehen aus wie ein paar Wanderschuhe, hoch am Knöchel. Braunes Wildleder, vorne an der Kappe ist es nur noch hellbraun und das Leder knochentrocken. Wasserdicht sind sie auch nicht mehr. Ich muss sie auch mit dicken Socken tragen, weil sie mir sonst vom Fuß fallen. Eigentlich wollte ich sie vor drei Jahren schon wegschmeißen. Aber ich finde einfach keinen Ersatz. Ich habe sie vor einigen Jahren beim Aldi gekauft für 14,99 DM. Die haben sich echt bezahlt gemacht.
Ich nehme den rechten Schuh und will hineinschlüpfen. Moment einmal – irgendetwas stimmt doch hier nicht. Ich hebe den Fuß und bleibe kurz vorm Schuh mit dem Fuß in der Luft hängen. Der Fuß will nicht in den Schuh. Ich fühle mich äußerst unbehaglich. Ich setze den Fuß ab, und auch den Schuh. Stattdessen nehme ich den linken Schuh und hebe elegant meinen linken Fuß, welchen auch sonst, in den Schuh. Das fluppt, alles wie gewohnt.
Hm, bei mir türmen sich die Fragen auf: Nehme ich beim Schuhe anziehen immer erst den linken Fuß? Wieso? Bin ich Linksfüßler?
Es gibt Rechtshänder und Linkshänder. Gibt es auch Rechts- und Linksfüßler? Ich bin unsicher. Warum habe ich es nicht geschafft, dem rechten Fuß zuerst seinen Schuh zu verpassen. Warum sträubte er sich so? Ich liebe ihn schließlich genauso wie den linken Fuß. Ich mache da keinen Unterschied. Oder etwa doch?
Beim nächsten Schuhe anziehen werde ich mal darauf achten, welchen Fuß ich zuerst benutze. Ich möchte meine Füße ja nicht ungleich behandeln. Sie könnten es mir irgendwann übel nehmen.
© Vera Gold