Vera Gold - Autorin und Künstlerin - Geschichten und Gedichte, Fotos und Videos mit Text und Musik


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Sommergrauen








Sommergrauen



Sandy wollte doch nur ein Eis für sich und ihren Freund holen. Woher hätte sie wissen sollen, dass Bruno heute scheinbar einen schlechten Tag hatte? Warum hatte er das getan? Sie kannten sich doch schon so lange …

Wenn das Wetter schön war, kam Sandy jeden Abend nach Büroschluss in den Park.
Sie wohnte nicht weit weg in einem Mehrfamilienhaus unter dem Dach und hatte keinen Balkon. Bei der Hitze in den letzten Tagen hatte sich ihre Zwei-Zimmer-Wohnung beträchtlich aufgeheizt. Auf ihrer Lieblingsbank im Park las sie dann in einem Buch oder sie saß einfach nur da und beobachtete die anderen Parkbesucher.
Oft traf sie auch Jochen aus der 1. Etage, der mit seinem Hund spazieren ging. Wenn er seine Runde abgedreht hatte, setzte er sich zu ihr auf die Bank und sie erzählten sich vom Tag oder lästerten über andere Leute ab. Das war überhaupt ihre Lieblingsbeschäftigung.
Heute saß er schon dort und Bruno lag schlafend neben der Bank.
"Hallo Jochen. Du bist früh heute." Sie setzte sich neben ihn und legte ihr Buch neben sich.
"Hi, Sandy. Ja, ich habe heute früher Feierabend gemacht. Bei uns im Büro war es so brutal heiß. Da hat der Chef uns allen eine Stunde eher freigegeben."
"Wouw, du hast es gut. Ich durfte bis zum Ende brutzeln. Ist es Bruno nicht auch zu heiß im Büro?"
"Du, der legt sich mit seinem dicken Hintern immer vor den Ventilator, so dass ich keine kühle Luft mehr abbekomme."
Sandy kicherte. "Apropos dicker Hintern: Siehst du die da drüben? Manche Frauen sollten doch besser keine Leggings tragen. Hat die denn keinen Spiegel zuhause?"
"Och, so schlecht finde ich die aber nicht …"
"Du alter Lüstling. Aber schau doch mal. Das T-Shirt geht nicht mal über den Po. Und dann sieht man auch noch den Schlüpfer."
"Du hast Recht. Ein geiler String wäre sicher besser."
Jochen handelte sich mit dieser Bemerkung einen Knuff in seine Rippen ein.
"Du trägst sicher immer Strings bei der Hitze, oder?", fragte Jochen mit einem kurzen Blick zu ihr.
"Das werde ich dir auch gerade verraten. Ich frage dich doch auch nicht, welche Hose du unter deiner Hose trägst."
"Das kannst du ruhig. Ich trage natürlich einen String wegen der Hitze."
"Klar", grinste Sandy, "glaube ich dir unbesehen."
"Och, schade. Ich hätte dich auch mal gucken lassen." Jochen wurde ernst. "Warum habe ich eigentlich keine Chancen bei dir?"
Sandy scharrte mit dem Fuß im Sand. Sie wusste, dass sie Jochen gefiel. Sie mochte ihn auch, liebte es, mit ihm zusammen zu sein. Aber mehr als Freundschaft war es für sie nicht. Darüber hatten sie auch öfters gesprochen und er hatte es akzeptiert. Freundschaft war ja nun auch eine Menge.
"Du gibst wohl nie auf, oder?"
Jochen grinste sie an und schüttelte den Kopf. "Kann ja sein, dass du es dir anders überlegst. Ich gebe die Hoffnung jedenfalls nicht auf."
"Ja, wer weiß. Man kann ja nie wissen."
Schweigend saßen sie die nächsten Minuten und schauten den Leuten zu, die an ihnen vorbei gingen. Jeder hing seinen Gedanken nach. Geweckt wurden sie durch ein Klingeln.
"Der Eismann ist da. Magst du ein Eis, Jochen? Ich gebe eines aus."
"Aber immer doch. Schokolade wie immer."
"Kommt sofort, der Herr."

Sandy stand auf und kramte in ihrer Hosentasche nach Kleingeld. Sie ging an Jochen vorbei und stolperte über Bruno. Er hatte sich lang ausgestreckt und lag halb auf dem Weg. Der Hund erschrak. Er sprang hoch und auf Sandy zu. Sie schrie auf und Jochen griff nach der Leine. Sie entglitt ihm und Bruno und Sandy rollten über dem Boden. Sandy brüllte wie am Spieß. Jochen versuchte Bruno am Halsband zu fassen. Zwei Männer kamen ihm zu Hilfe. Zu dritt versuchten sie nun Bruno zu fassen. Einer der Männer blutete. Er ging zur Seite und kam wenige Augenblicke später mit einem Knüppel zurück und schlug damit nach Bruno. Er traf ihn am Kopf und Bruno sackte zusammen.
Sandy lag am Boden und rührte sich nicht. Jochen drehte sie vorsichtig auf den Rücken. Fassungslos schaute er in ihr Gesicht. Er drehte sich um und würgte.
Sandy blinzelte. Sie konnte das rechte Auge nicht öffnen. Etwa Klebriges hielt es zu.
Am Kinn hing ein Knubbel. Sie wollte ihn wegkratzen. Wo war ihr Mund? Sie tastete im Gesicht. Wild fuhren ihre Finger übers das Gesicht. Sie fühlte nur dickes, klebriges Zeug. Wo war ihr Mund?
Ihr Mund! Sie schrie und schrie … und Dunkelheit legte sich wie ein Tuch gnädig über sie.


© Vera Gold






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