Wohin der Wind uns treibt
Er kündigte sich durch ein starkes Rauschen an, so als wenn tausende von Vögeln mit ihrem Flügelschlag die Luft verdrängen. Der Wetterfrosch im Morgenmagazin hatte den Sturm vorausgesagt. Nur habe ich es nicht geglaubt, weil der Himmel so blau war, weil die Sonne so hell schien und weil der Wind Ausgang hatte.
Aber der Wind war zurück - ich duckte mich unwillkürlich - was hatte ihn so zornig gemacht? Er zuppte frech an meinen Haaren. Plötzlich drehte sich alles um mich herum. Immer schneller drehte ich mich um mich selbst. Was war das? Ich kniff fest die Augen zu. Ich wollte nicht sehen, wie ich sterbe.
War ich eingeschlafen? Nur ein leichter Wind streifte mein Ohr. Langsam öffnete ich meine Augen und blinzelte in die helle Sonne. Ein würziger Kräutergeruch kroch in meine Nase. Ich war auf einer Alm, auf einer richtigen Alm in den Bergen. Kuhglocken läuteten. Ich schaute in die Richtung, aus der das Gebimmel kam und dort lagen sie: Braune Kühe, die in Seelenruhe das kräftiggrüne Gras der Alm fraßen.
Ich stand auf und ging die Wiese hinauf. Oben auf der Kuppe stand eine kleine silbergraue Almhütte. Rauch zog in einer dünnen Fahne kerzengerade in den Himmel.
Ich hatte Hunger. In der Hütte gibt es sicher etwas zu essen, dachte ich. Mit flinken Schritten ging ich auf die Hütte zu. Endlich war ich oben und … schaute auf der anderen Seite hinunter ins Tal. Der Tegernsee lag unter mir und ein vergissmeinnichtblauer Himmel spannte seinen Schirm über ihn.
Ich breitete meine Arme aus. Ganz weit breitete ich sie aus. Der Wunsch über den See zu fliegen, mich gleiten zu lassen bis zum nächsten Aufwind, eine Runde über die Hütte zu drehen, wurde immer stärker.
Doch halt: Da zog ein Duft in meine Nase, der eindeutig von der Hütte kam. Goldgelber Kaiserschmarrn mit Rosinen, Puderzucker und Apfelmus stieg vor meinem inneren Auge auf. Ich hatte HUNGER.
Das Gleiten über dem See musste warten. Armeschlagend ging ich auf die Hütte zu und setzte mich auf die Bank gleich neben dem Eingang. Von hier aus konnte ich den See immer noch sehen und ich schloss vor so viel Schönheit ergriffen die Augen …
© Vera Gold